21 September 2006

Was beim Häuten der Zwiebel zum Vorschein kam

Die unappetitlichen Erinnerungen des Admirals zur Rummelsburger See

Hand aufs Herz, wir kennen das doch alle. In unserem erbärmlichen kleinen Leben tun wir Dinge, für die wir uns später dermaßen schämen, dass wir stunden-, tage-, wochen-, monate-, jahre-, jahrzehnte- oder gar lebenslang darüber schweigen, obwohl die Erinnerung an die eigene Schande nach und nach unsere Seele auffrisst. Auch ich bin da leider keine rühmliche Ausnahme, möchte mir aber die späten Bekenntnisse des Blechtrommlers und Literaturnobelpreisträgers Gunthard Krass eine Warnung sein lassen, dessen Mitgliedschaft in der Waffen-SS sich ja bereits in seinem Nachnamen anzudeuten schien. Für das Häuten der Lebenszwiebel empfehle ich ein Messer mit kurzer scharfer Klinge, möglichst Solinger Qualität, notfalls reicht auch Ikea. Im Falle tränender Augen kann die Gewürzpflanze mit etwas Übung auf dem Rücken bearbeitet werden, wichtig ist nur, nicht mehrere Häute gleichzeitig abzulösen, weil sich darin zu offenbarende Erinnerungen verstecken können, also Obacht. Um meinen eigenen Saustall gründlich auszumisten, muss ich mich gedanklich in die Rückrunde der Saison 1960/61 zurückbegeben. Die von der CIA gestützten Exilkubaner fielen gerade in die Schweinebucht ein, während ich mir als verheißungsvolles Nachwuchstalent in der A-Mannschaft von Traktor Stralau meine ersten Lorbeeren verdiente. Im Meisterschaftsspiel gegen Torpedo Grünow passierte es dann: Ich stand gerade zufällig im gegnerischen Strafraum herum, eine hübsche Wolkenformation am Himmel betrachtend, als Mitspieler Zempurski von links flankte. Kaum hatte ich meine Hand, mit der ich meine Augen vor der gleißenden Sonne zu schützen versuchte, niedersinken lassen, fiel auch schon der Ball gegen selbige und von dort ins Tor. Der Jubel meiner Mitspieler war riesengroß, denn wir siegten durch meinen irregulären Treffer mit eins zu Null gegen die armen Grünower, die dadurch abstiegen, sich nie mehr von diesem Trauma erholen konnten und für immer in der Bedeutungslosigkeit verschwanden. Ich wagte es nicht, zum Schiri zu gehen, um die Aberkennung des Tores zu erbitten, weil ich nicht bei den älteren Mitspielern und dem Trainerstab in Ungnade fallen wollte. Sicherlich, ich wurde von den Älteren zu einer solchen Schandtat verführt, aber habe ich mich nicht auch verführen lassen? Als heutiger Führungsspieler, der stets auf Fairness bedacht ist, vermag ich mich in meinem jungen Ich nicht wiederzuerkennen, möchte ihm am liebsten kräftig in den Hintern treten. Warum ich so lange geschwiegen habe? Ich weiß es ja selber nicht, die Verfehlung der Vergangenheit lag tief in mir begraben, und ich habe wohl nach einer Form gesucht, in der ich sie einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren in der Lage war. Ein Artikel für den Stralauer Platzwart, der ja überwiegend vom Traktor-Umfeld konsumiert wird, schien mir äußerst geeignet zu sein. Wo ich schon mal dabei bin, möchte ich mich auch in aller Form für die Affäre mit dem Kokain und den ukrainischen Zwangsprostituierten entschuldigen, in die ich vor ein paar Jahren involviert war. Ja, da habe ich einen Fehler gemacht, und ich bitte aufrichtig um eine zweite Chance. Augenblick mal, jetzt, wo ich darüber nachdenke, war nicht ein gewisser Paolo Pinkel Urheber der von mir geschilderten Entgleisung? Das ist eine grundlegende Problematik beim Zwiebelhäuten: Ist das, an das wir uns erinnern, tatsächlich geschehen? Oder ist es nur das, an das wir uns erinnern wollen? Hat Gunthard Krass als junger Waffen-SSler wirklich keinen einzigen Schuss abgegeben? Meine Wenigkeit jedenfalls würde gern nichts mit der Koks-Prostituierten-Affäre zu tun gehabt haben, aber falls dem doch so ist, dann soll mir bei meinem nächsten Tauchgang in der sagenumwobenen Bucht ein Rummelsburger Stachelrochen das Herz durchstoßen, wie es erst kürzlich dem Krokodiljäger Steve Irwin am Great Barrier Reef widerfuhr (R.I.P. Steve). Wie dem auch sei, bevor ich meine Geständnispläne in die Tat umsetzen konnte, habe ich natürlich erst mal den Platzwart in seiner Hütte bei einem heißen Becher Kakao konsultiert, und seine unerschütterliche Geduld angesichts meiner häufigen Audienzen überraschte mich einmal mehr. „Nun, Norbertonius, wo drückt denn diesmal der Schuh?“ Und nachdem ich ihn ausführlich über mein Vorhaben in Kenntnis gesetzt hatte: „Gut, Norbertonius, dass Du Dich dazu entschlossen hast, denn grundsätzlich ist es zum Eingeständnis einer persönlichen Schurkerei nie zu spät. Selbstredend wirst Du dann als Hüter der Stralauer Moral ausgedient haben, was aber auch viele Vorzüge hat, weil kein Stralauer jemals wieder von Dir korrektes Verhalten erwarten wird, Du hättest sozusagen Narrenfreiheit, ich beneide Dich wirklich. Von der Dir aufgetragenen Pflicht, Dich um die Rummelsburger Bucht zu kümmern, bist Du allerdings nicht entbunden, und sie ist nach langer Zeit wieder in großer Gefahr. Wie mir ein stets gut unterrichteter Informant ins Ohr geflüstert hat, treiben sich immer mehr Touristen und Ausflügler auf der Uferpromenade herum, die völlig gedankenlos Vögel aufscheuchen und deren Nistplätze ignorieren, insbesondere die Reiher sind betroffen. Hinzu kommt ein stark angestiegener Schiffsverkehr durch Sonntagskapitäne, wodurch nicht nur die Stralauer Flotte, die Du ja befehligst, bei ihrer Arbeit behindert wird, sondern die Fische einem enormen Stress ausgesetzt werden. Nicht auszudenken, was ein Fischsterben für unsere schöne Halbinsel bedeuten würde, gewiss stünde nicht weniger als die Stralauer Autonomie auf dem Spiel. Du musst etwas unternehmen, Norbertonius! Die Lage ist ernst und duldet keinen Aufschub. Da ich weiß, dass Du nur allzu leicht überfordert bist, wenn es um die Vertreibung der Touristen aus der Bucht geht, werde ich Dir einen treuen Gefährten zur Seite stellen. Das ist Hermann.“ Der Platzwart zog an einer Leine etwas hinter der Couch hervor, es war ein gewaltiger, die Zähne fletschender Bluthund. Bei einer Schulterhöhe von einem Meter und sechzig flößte Hermann selbst mir, einer gestandenen Persönlichkeit, große Furcht ein, und ich fragte den Alten Mann, aus welchem Kreis der Hölle er sich diese Kreatur denn habe kommen lassen. Er beruhigte mich und versicherte, der Hund habe bereits vielen meiner Vorgänger treu gedient, ich hätte nichts zu befürchten. Während ich versuchte, dies zu glauben, den Zerberus nicht aus den Augen lassend, verfiel der Platzwart plötzlich in eine tiefe Melancholie. „Norbertonius, versprich mir, dass Du Deine neugewonnene Freiheit nutzen wirst. Nundenn, ziehe aus ins Stralauer Land ... und lebe. LEBE!!!“ In diesem Moment verdunkelte ein gerüttelt Maß Wut und Verzweiflung das Platzwartsche Gemüt, wie ich es nie zuvor bei ihm beobachtet hatte. Er brach regelrecht in sich zusammen ob der Erkenntnis wohl niemals ein Leben unbeschwert von jeglicher moralischer Verpflichtung führen zu können, wie es mir nun bevorstand. Mit der Situation heillos überfordert, nutzte ich die Gelegenheit mich nach einem letzten Schluck Kakao hastig von ihm zu verabschieden und ihm alles erdenklich Gute zu wünschen, als er sich mit einem dunkelgrauen Stofftaschentuch die Tränen wegwischte und sich gar kräftig schnäuzte. Dennoch waren mir die in das Taschentuch eingestickten goldenen Lettern nicht entgangen: AS. AS? Was sollte das nur bedeuten? War der Alte Mann auch ein Admiral zur See, möglicherweise einer meiner legendären Vorgänger? Oder stand AS für Anton Sittinger oder Alter Sack? Grübelnd zog ich vondannen, Hermann an meiner Seite wissend. Hermann? Der Köter hatte meine Gedankenversunkenheit schamlos ausgenutzt und sich aus dem Staub gemacht – dachte ich. Dabei war er nur vorausgeeilt, um lauthals ein junges Pärchen von der sensiblen Uferzone zu verscheuchen, und die Beiden sahen aus, als wären sie dem Leibhaftigen begegnet, was ich ihnen nicht einmal verdenken konnte, und ergriffen panikartig die Flucht. Die kämen bestimmt nicht wieder. Hermann und ich, na ja, eigentlich nur Hermann, hatten den Auftrag des Stralauer Platzwartes zur Rettung der Rummelsburger Bucht und damit Stralaus unbarmherzig und unverzüglich ausgeführt. Er wäre sicher stolz auf uns, hätte er das gesehen. Mit einem Gefühl tiefer innerer Zufriedenheit machte ich mich auf den Weg zurück zu meinem Anwesen am Westufer der Bucht, wo ich für Hermann noch einen stabilen Zwinger zimmern musste.

Norbertonius Pagellantopoulos, Admiral zur Rummelsburger See, Schirmherr des Stralauer Fischzugs und Statthalter Roms auf Stralau als Gaius Norbertonius

1 Comments:

Blogger Kongo-Otto said...

Erschüttert. Nicht nur ich, sondern auch alle stets "Noberto" skandierenden Fans werden es sein.
Aber ebenso wie ich werden sie den Comeback-Tag des C.I. Norbertinus auf dem heiligen Kunstrasen zu Stralau herbeisehnen.

4:10 PM  

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